Wenn Städte wachsen wird es irgendwann eng auf den Friedhöfen und eine Erweiterung ist fällig. So auch in die der italienischen Stadt Modena, wo die Stadtverwaltung 1971 dafür einen Architektenwettbewerb ausschrieb. Die Jury entschied sich für den Entwurf des Mailänder Architekten Aldo Rossi. Rossi hatte sich bis dahin eher als Theoretiker einen Namen gemacht – der neue Friedhof in Modena bot die Gelegenheit, seine Ideen in die Tat umzusetzen.
Das Ergebnis hat in der Fachwelt zu heftigen Diskussionen geführt: die einen halten die Anlage für eine Ikone der Post-Moderne – andere verdammen sie als „faschistische Architektur“. Wie auch immer – dieser Friedhof lässt wohl niemanden gleichgültig und er hat auch uns angeregt, uns intensiver mit der Funktion und Architektur von Friedhöfen zu beschäftigen.
Aldo Rossis Theorien entstanden vor dem Hintergrund der öden Nachkriegsarchitektur, in der der Wohnungsbau auf technische Parameter und Ökonomie reduziert wurde. Er stellte diesem „Mono-Funktionalismus“ ein für uns schwer verständliches Theoriegebäude entgegen, in dem es um Form und Funktion, kollektives Gedächtnis, universelle Formensprachen usw geht (wer es genau wissen will sollte sich den Aufsatz des Architektur-Historikers Prof. Carsten Ruhl vornehmen > Link ).
Welche theoretischen Überlegungen Rossi bei dieser Anlage auch im Sinn gehabt hatte: auf uns wirkt dieser Gebäudekomplex wie eine Mischung aus Gefängnis und Hochregallager. Dies ist kein Ort für Besinnung und Gedenken. Kein Ort für individuelles Abschiednehmen und persönliches Bewahren von Erinnerungen an einzelne Individuen. Dies ist ein Aufbewahrungsort für die Überreste von Verstorbenen, die im Tod nun alle gleich und alle gleich unwichtig sind.
Rossi stand der Bauhaus-Idee, dass die Form der Funktion zu folgen habe, skeptisch gegenüber. Ob er sich jemals die Frage gestellt hat, welche Funktion ein Friedhof heutzutage haben könnte?
Die Funktion von Grabmälern hat sich im Laufe der Geschichte gewandelt. Wenn wir uns fragen, für wen und warum etwas gebaut wurde, fallen große Unterschiede auf. In der Vor- und Frühgeschichte, in Ägypten und später bei den Etruskern ging es um die Verstorbenen. Einige von ihnen wurden mit reichlich Grabbeigaben auf ihre Reise ins Jenseits geschickt, denn dort würden sie ja das alles brauchen und ganz sicher den gleichen sozialen Status innehaben. „Im Tod sind alle gleich“ – auf die Idee wäre man da wohl nicht gekommen.
Mit dem Christentum und im Islam kam eine neue Sicht in das Bestattungswesen. Der soziale Status wurde nicht automatisch ins Jenseits übertragen, sondern der „Platz im Paradies“ musste durch entsprechendes Verhalten im Diesseits „erarbeitet“ werden. Die Grabstätte bekam damit eine andere Funktion: sie wurde für die Hinterbliebenen gebaut, als Ort der Erinnerung und gegen das Vergessen. In der aufwändigen Gestaltung der Grabstätten steckt zudem immer eine Botschaft an die Zeitgenossen: wer seine Vorfahren großartig präsentiert, darf davon ausgehen, dass ein Teil dieses Glanzes auch auf ihn und seine Familie herabscheinen wird. Eine solche Demonstration von Generationen übergreifender „Wichtigkeit“ war bis zum 18. Jahrhundert weitgehend dem Adel vorbehalten. Im 19. und 20. Jahrhundert präsentierte sich dann immer stärker auch das Bürgertum mit eindrucksvollen Familiengräbern. Wunderbare Beispiele gibt es in Genua, Lissabon, Mailand oder Buenas Aires.
Und heute? Die Reichen und Mächtigen brauchen keine Grabmäler mehr, um Macht und Reichtum zu demonstrieren. Und der Platz in den Geschichtsbüchern wird besser im Internet gesichert als auf einem Friedhof.
Auch für die persönliche Erinnerung an einen verstorbenen Angehörigen spielt das Grab nicht mehr dieselbe Rolle wie früher – in der Regel werden die Gräber ohnehin nach 25 Jahren abgeräumt . Immer mehr Menschen möchten anonym oder unter einem Baum bestattet werden. Die modernen Gedenkstätten sind nicht Grabsteine und Gedenktafeln, sondern Datensätze auf irgendwelchen Servern.
Und dennoch haben Friedhöfe eine Funktion: sie sind Orte jenseits der Hektik des Alltags. Orte zum Abschied nehmen und zum Erinnern. Orte, der Ruhe, an denen die Zeit anders verläuft. Orte, an denen über Vergänglichkeit und den Sinn des Lebens nachgedacht werden kann. Orte, die auch dem modernen, hochfunktionellen Menschen die Gelegenheit geben, sich vorübergehend spirituell auszuklinken.
Der post-moderne Friedhof in Modena hat uns dazu nicht eingeladen.








